Schroffe Schönheit

– das Brodtener Steilufer

Niendorf

Zerfurcht und mitunter turmhoch erstreckt sich das vier Kilometer lange Kliff des Brodtener Steilufers zwischen Niendorf und Travemünde. Wo früher Strandpiraten ihr Unwesen trieben, kommen heute Erholungsuchende auf ihre Kosten. Vom Trubel der umliegenden Badeorte ist hier nichts zu spüren.
Das Brodtener Steilufer ist ein aktives Kliff, das seit der letzten Eiszeit um rund sechs Kilometer abgetragen wurde. Noch heute knabbern Wind und Wellen daran und bahnen sich Jahr für Jahr ihren Weg ins Landesinnere. In Richtung Niendorf geht das aktive Kliff in ein passives über. Der Küstenabtrag ist dort weitgehend beendet. Dichte Vegetation hat sich die ehemalige Erosionskante zurückerobert.
Erkunden lässt sich das Brodtener Ufer auf verschiedene Arten. Der Wanderweg oberhalb der Steilküste verläuft direkt an der Abbruchkante und wird regelmäßig an einigen Stellen zurückverlegt. Das Meer auf der einen, Wiesen, Felder und Mischwald auf der anderen Seite schaffen einen pittoresken Panoramablick. Auf halber Strecke befindet sich der mit zwanzig Metern höchstgelegene Punkt des Steilufers. Die Hermannshöhe mit ihrer gleichnamigen Gastronomie lädt Spaziergänger und Radfahrer zum Verweilen ein. Die einzige Treppe, die direkt von der Kante des Steilufers an den Strand hinab führt, befindet sich am Jugendhaus Seeblick, rund einen Kilometer von Niendorf entfernt.
Während sich mancherorts im Sommer Handtuch an Handtuch reiht, lockt der gebührenfreie Strand des Brodtener Ufers mit seiner Einsamkeit und schroffen Schönheit. Separate Badestellen richten sich auch an Hundefreunde sowie Anhänger der Freikörperkultur. Im Bereich des aktiven Kliffs ist der Strand je nach Wasserstand zwischen 5 und 25 Metern breit. Herabgestürzte Bäume, kleine und große Steine, Treibgut und Findlinge prägen die Szenerie. Und manchmal ist der Weg durch Uferabbrüche ganz versperrt. Dann sind Kletterkünste gefragt. Familien mit Kindern erwartet ein im Laufe der Jahrtausende entstandener Abenteuerspielplatz fernab vom Massentourismus.
Als stumme Zeugen der Vergangenheit lassen sich Versteinerungen von Seeigeln oder Donnerkeile und nach heftigen Stürmen mitunter Bernstein finden. Quicklebendige Küstenbewohner sind dagegen die Uferschwalben, deren Kolonie mit bis zu 2600 Brutröhren zu den größten der Bundesrepublik gehört. Das Steilufer und sein landwirtschaftlich geprägtes Hinterland wurden wegen ihrer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt zum Landschaftsschutzgebiet Brodtener Winkel erklärt.
Die bemerkenswerte Flora und Fauna dürfte die Strandpiraten des Mittelalters wohl nur bedingt interessiert haben. Den Historikern zufolge lockten sie Schiffe mit Leuchtfeuern auf die vorgelagerten Sandbänke, um die manövrierunfähigen Koggen zu entern und um ihre wertvolle Ladung zu erleichtern. Aus dem einstigen Eldorado für Freibeuter ist im Laufe der Zeit ein beliebtes, aber nie überlaufenes, Ausflugsziel geworden. Ab dem 19. Jahrhundert entdeckten Sommergäste des aufstrebenden Kurbades Travemünde zunehmend die landschaftliche Schönheit des Brodtener Ufers.